Volkswirtschaftsprofessor Funk referierte auf internationaler Konferenz in Leipzig zur Frage, ob staatliches „Stupsen“ (Nudging) illiberal ist

Lothar Funk, Professor für Volkswirtschaftslehre und internationale Wirtschaftsbeziehungen an der Hochschule Düsseldorf im Fachbereich Wirtschaftswissenschaften, referierte auf der 41. Jahreskonferenz zu Deutschlandstudien am 26. Juni 2015 im Zeitgeschichtlichen Forum in Leipzig mit Wissenschaftlern aus Deutschland, Finnland, Großbritannien, Portugal, Tschechien und den USA.


Die internationale Tagung in englischer Sprache bestand aus sieben Panels am 25. und 26. Juni, die sich interdisziplinär mit verschiedenen Fragestellungen etwa zum deutschen Föderalismus, zu den Wahlen in Deutschland, zur Rolle Deutschlands in der internationalen Sicherheits- und Wirtschaftsordnung sowie zu 25 Jahren Wiedervereinigung beschäftigten (IASGP Conference Programme).

Der Düsseldorfer Hochschulprofessor (siehe Foto) referierte und diskutierte im Panel zu sozio-ökonomischen Herausforderungen in und außerhalb Deutschlands zur Rolle der verhaltensökonomischen Fundierung in der Wirtschafts- und Verbraucherpolitik hierzulande. Dieser Ansatz hat erst kürzlich in der deutschen Politik offiziell Einzug gehalten und wird unter Ökonomen und in den Medien äußerst kontrovers diskutiert. Nachdem die verhaltensökonomische Fundierung etwa in den USA und in Großbritannien schon seit einigen Jahren eine recht bedeutsame Rolle spielten, richtete das Bundeskanzlerin Angela Merkel Anfang 2015 ebenfalls eine Projektgruppe mit Psychologen und Verhaltensökonomen ein. Sie soll „Erkenntnisse zu menschlichem Verhalten“ nutzen, „um politische Ziele zu erreichen“, so das Bundeskanzleramt.

Verhaltensökonomische Erkenntnisse haben in jüngerer Zeit in der wirtschaftspoliti-schen Debatte zunehmend an Bedeutung gewonnen. Schon mit etwas „Stupsen“ (englisch „Nudging“) lässt sich oft das menschliche Verhalten erheblich und folglich dann auch in eine individuell und gesellschaftlich gesehen „besser“ erscheinende Richtung ändern.

Stehen Menschen vor Entscheidungen, ist es für die Auswahl bedeutsam, welche Entscheidung standardmäßig vorgesehen ist. Ein besonders kontroverses Thema hierbei ist die Organspende. Auffällig ist, dass es in Staaten wie in Deutschland, wo sich Menschen aktiv zur Organspende entscheiden müssen (Zustimmungslösung per Organspendeausweis), prozentual deutlich weniger Organspender als in Staaten gibt, in denen sich Menschen aktiv gegen Organspende entscheiden müssen (Widerspruchslösung) wie etwa in Österreich oder in Spanien.

„Nudging“ setzt also darauf, allein durch eine intelligente Ausgestaltung des Entscheidungsumfelds, etwa über das Setzen der Voreinstellungen oder die Vereinfachung des Zugangs zu alternativen Verhaltensweisen zu besseren Entscheidungen der Menschen beizutragen. Dies soll andere Wahlalternativen jedoch nicht substantiell einschränken, weil Voreinstellungen auch bewusst geändert werden können. Dies geschieht auch in gewissem Maße, etwa wenn es zu Änderungen von einer Zustimmungs- zur Widerspruchslösung bei freiwilligen Organspenden kommt, ohne aber den eben genannten Befund zu widerlegen.

Auch wegen möglicher krimineller Machenschaften bleibt jedoch umstritten, ob und unter welchen Bedingungen ein solches „Stupsen“ durch die Regierung legitim ist. Erheblich weniger kontroverse Beispiele für staatliches Nudging gibt es jedoch auch: etwa bei Kennzeichnungspflichten bei Lebensmitteln, bei Informationspflichten ge-genüber ihren Kunden für Kreditkartenunternehmen in den USA im Falle drohender höherer Zinszahlungen wegen Ratenrückständen oder auch bei einer verbraucher-freundlicheren Ausgestaltung der Voreinstellung zu Zusatzleistungen bei Internetkäufen von Flügen in der Europäischen Union (Verbot automatischer zahlungspflichtiger Zusatzleistungen, z.B. Reiserücktrittsversicherung). Für Bundesjustiz- und Verbraucherschutzminister Heiko Maas (SPD) ist Nudging daher „ein kluger Mittelweg zwischen Überregulierung und Laissez-faire“ in der politisch kontroversen Debatte.

Viele wirtschaftsliberale Ökonomen bleiben allerdings skeptisch. Aus Sicht anderer Sozialwissenschaftler sind jedoch einige zentrale Elemente durchaus attraktiv und sogar mit freiheitlicher Ordnungspolitik in Einklang zu bringen. Auch Funk in seinem Vortrag die These, dass häufig eine Integration von Verhaltens- in die Ordnungsökonomik tatsächlich zu effizienterer Wirtschaftspolitik ohne bedenklichen Freiheitsverlust beitragen kann. Teile der Argumente des englischsprachigen Vortrags auf der Tagung beruhen auf einem zuvor veröffentlichten Aufsatz in der Neuen Zürcher Zeitung vom 19. März 2015, S. 12, der hier nachgelesen werden kann (Download).

Vgl. ebenfalls: Funk, Lothar: Sanfter Paternalismus und verhaltensökonomisch fundierte Ordnungspolitik im Verbraucherschutz. In: Wirtschaftsdienst, 94 (11) 2014, S. 787-791.


Dateien:

IASGP_Conf_Prog_FINAL22Juni2015.pdf354 Ki



<< zurück


Prof. Dr. Lothar Funk am Rednerpult

Prof. Dr. Lothar Funk


Veröffentlicht am 30.06.2015 um 14:43 Uhr
von Webteam